27 november 2025

Trauer und Tanz

Geschreven door Reinhold Philipp
Deutsch Foto: Paul Breuker Trauer und Tanz

Lässt sich sagen, wie viel Trauer „gesund“ ist? Diese Frage habe ich hier vor einigen Wochen gestellt. Anhand der Geschichte von Orpheus und Eurydike habe ich gezeigt, wie Menschen sich in Trauer verlieren können. Das umgekehrte ist aber auch möglich, habe ich geschrieben: Die Trauer wird verdrängt, obwohl das Durchleben von Trauer bewusste Aufmerksamkeit und unterstützende Gemeinschaft verlangt – und keine Vermeidung und Einsamkeit. Was Trauer auslöst und wie sie zu Trost reifen kann, deute ich in der zweiten Hälfte meines Blogs zu Trauer.

Trauer ist wie das Pendel einer alten Standuhr, das hin und her schwingt zwischen dem Augenmerk für den Verlust und der Aufmerksamkeit für das Leben hier und jetzt, zwischen Zeit für die Trauer nehmen, für den Schmerz des Verlusts und für schöne Erinnerungen und den Menschen um uns herum Aufmerksamkeit schenken und die Sorgen des Alltags nicht ganz verdrängen. 

Manche denken, dass die Verarbeitung eines Verlusts in Phasen verläuft, die man nacheinander durchlaufen muss. Aber jeder Mensch erlebt seinen eigenen Trauerprozess, der in seinem Verlauf niemals exakt vorhersehbar ist. Andere vergleichen heutzutage den Trauerprozess mit einem Segelboot, das zwischen den „Hindernissen der Trauer” hin und her manövriert. Anne Remijn beschreibt es treffend in ihrem Gedicht „Lavieren ”:

Lavieren

Heute ist das Wasser ruhig
Ich segle vor dem Wind
Meine Leinen sind in Ordnung
und ich habe mein Boot im Griff

Morgen kann ein Sturm aufziehen
es gibt Gegenwind
die Leinen sind verknotet
und ich verliere die Kontrolle

Trauern ist Lavieren
Leben mit Chaos, unerwarteten Wendungen
Entwirren von Gefühlen
Von einer leichten Brise zu Orkanstärke

Alle Segel setzen
Manchmal auf dem Meer treiben
Nichts verdrängen, gerade mal nicht ertrinken
Hin en her lavieren zwischen den Hindernissen der Trauer

Lavieren bezieht sich auf das Zickzackfahren eines Segelboots. Das Boot ändert immer wieder seinen Kurs. Manchmal ist das Wasser ruhig, bläst kein Wind und bleibt es bei einem ruhigen sich treiben lassen. Aber manchmal kann, völlig unerwartet und von einem Moment auf den anderen, ein starker Gegenwind aufkommen, vielleicht sogar ein Sturmwind, der dazu führt, dass der Trauernde die Kontrolle über sein Leben verliert oder zu verlieren droht. Wenn sich der Wind ändert, von einer leichten Brise zu einem starken Wind mit Orkanstärke, dann bedeutet das, um in der Sprache der Seefahrt zu bleiben, alle Segel setzen. Wie reagieren wir, wenn wir in einen Sturm geraten? Sind wir darauf vorbereitet? Schaffen wir es, Kurs zu halten? Können wir das Boot des Lebens durch den Sturm manövrieren?

Trauern bedeutet leben mit unerwarteten Ereignissen und mit manchmal verwirrenden Gefühlen, wie z.B. Angst vor der Zukunft oder Dankbarkeit, manchmal auch Enttäuschung und Wut. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, muss lange Zeit, vielleicht bis zu seinem eigenen Tod, „zwischen den Hindernissen der Trauer lavieren”. 

Tagesdatum (Ingrid de Bonth) 

Ich weiß schon, dass dies endlich ist
Doch das lässt uns unberührt
Ich weiß auch alles von vorbei
Das macht uns nicht undenkbar
Das Sterbliche stirbt irgendwann
Das Lebendige bleibt
Ich weiß schon, dass es sterben wird
Der Tag bleibt unerhört
Also tanze und lache und fühle
Und lebe und gib dich nun ganz hin
Denke, danke, kämpfe, meine
Wir sind erst morgen da

Ich lese, vor allem in den letzten Zeilen, auch einen Aufruf, das Leben in der uns gegebenen Zeit in vollen Zügen zu leben und mit allen Sinnen zu genießen. Das erinnert mich an das biblische Buch Kohelet (9, 7-9): „Iss mit Freude dein Brot, trink deinen Wein mit einem fröhlichen Herzen. Trage immer festliche Kleidung und benutze ein herrlich duftendes Parfüm.” Das Leben ist ungerecht und vergänglich, sagt Kohelet, genieße darum das Leben mit denen, die dich lieben, so oft und so gut wie möglich.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche soll einmal gesagt haben: „Man muss das Leben tanzen“. Seit Urzeiten gehören Musik und Tanz zum Leben der Menschen. Tanzen ist oft Ausdruck von Lebensfreude. Für viele Menschen ist es die Grundhaltung ihres Lebens.

Manche christliche Wüstenväter des 4. Jahrhunderts sprechen vom „Kreistanz der Liebe“. Gott will uns in seinen Tanz mit hineinziehen. Er ist es aber auch, der uns stützt und stabilisiert, wenn wir aus unserer Achse zu kippen drohen im Angesicht von Trauer und Leid. Wenn wir uns mit letzter Kraft noch einmal aufraffen, obwohl die Beine schon müde sind, dann können wir gewiss sein, dass Gott uns zum Tanz auffordert und ermuntert. Mit Gottes Hilfe werden die Trauernden irgendwann wieder leichtfüßig werden und erneut anfangen zu tanzen. Darauf lohnt es sich zu hoffen und zu vertrauen.

Over Reinhold Philipp

Reinhold Philipp

Reinhold Philipp is predikant in Den Haag

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